14.9.11

Ein wenig Nostalgie....

Es gibt so ein paar Möbelstücke, an denen mein Herz sehr hängt.
Das wichtigste davon ist ein Tisch, genauer gesagt ein Küchentisch.
Er ist nicht groß, er ist nicht wertvoll, materiell gesehen, er ist keine Schönheit, aber er ist vollbeladen mit Familiengschichte.
Er ist für mich eine wirkliche Kostbarkeit, die ich nieundnimmer hergeben könnte.

Seit dem Tod meiner Großtante ist er in meinem Besitz und wir nutzen ihn tagtäglich als unseren Esstisch, so wie er immer genutzt wurde.
Und seither hab ich ihn nicht verändert, nur feucht abgewischt.
Ich konnte nichts an ihm machen, nichts restaurieren oder verändern, er sollte so bleiben, wie ich mein Kinderleben an ihm verbracht hatte.

Die Tischplatte, einst aus weichem hellem Holz, hatte irgendwann mal eine Behandlung mit verschiedenen Lasuren erhalten, die ein intarsienähnliches Muster daruf abzeichneten. Eine walnussdunkle Mitte, ein schwarzer dünner Rand und aussen eine Mahagoni/Schwarz gemusterte Maserung.

Nicht sehr schön, nicht geschmackvoll, man sah, dass es nur aufgemalt war, da es sich durch die vielen jahre Gebrauch und die vielen Putzattacken sehr abgenutzt hatte.
Aber damit bin ich groß geworden, ich kannte ihn nicht anders.

Heute morgen nun bin ich aufgestanden und wusste, es ist Zeit.
Ich kann nicht sagen warum, aber ich wusste, heute muss ich diese Tischplatte von diesen Lasuren befreien und langsam das ursprüngliche Aussehen zutage fördern.

Schicht um Schicht habe ich mit einem chlorhaltigen Putzmittel und einem Ceramfeldspatel heruntergeschrubbt, langsam, mit Geduld und Bedacht.

Dabei kamen so nach und nach Erinnerungen und Funde hervor.

Ich fand die Stelle, an der meine Großtante immer ihren Stickrahmen befestigt hatte.


Ich seh sie noch sitzen, vornübergebeugt, bei schlechtem Licht, wie sie stunden- und oft nächtelang die allerfeinsten Monogramme und Muster mit den winzigsten Nadeln malte und ich meine MALTE. Das waren die reinsten Bilder. Die Stickrahmen und Utensilien hab ich alle noch.
Auch ihre selbstentworfenen Muster.

Dann fand ich über den ganzen Tisch verteilt kleine gepunktete Linien, das sind die Abdrücke des Schneiderrädchens meiner Urgroßmutter. Sie hat auf diesem Tisch immer ihre Schnitte für die Bekleidung der Familie ausgeschnitten und dann an ihrer Pedalnähmaschine genäht. An der Maschine hab ich das Nähen gelernt :-)

Als ich diese Linien sah, kamen mir fast die Tränen,weil ich alles wieder vor Augen hatte.

Und dann fand ich noch was ganz kurioses.
Es hatte sich wohl ein Fitzelchen Zeitungspapier von damals eingegraben.


Wenn man genau hinsieht, kann man noch Bruchstücke alter deutscher Buchstaben erkennen.
Mittlerweile hab ich es gänzlich entfernt, schweren Herzens allerdings.


Nach dem 5ten Durchgang sieht er jetzt so aus. Man kann die Reste der Maserung und Bemalung noch erkennen.

An diesem Tisch hat unsrer ganzes Leben stattgefunden.
Wir haben daran gegessen, gehandarbeitet, gekocht, meine Uroma hat darauf ihren hauchdünnen Strudelteig ausgezogen und sie hat da Nudelteig ausgerollt und zu Nudeln geschnitten, die dann auf mit Geschirrtüchern belegten Besenstilen zum Trocknen aufgehängt wurden, die über zwei Stuhllehnen gelegt wurden . Ich seh noch die Nudelgirlanden und die Stühle als wär es gestern gewesen, dabei war ich damals noch ein kleines Mädchen. Das ist SEHR lange her. *grins*

Die selbstgemachten Nudeln werd ich nie vergessen, ein himmlischer Geschmack und ein Spass, sie selber zu machen.

Ich hab bis zur 4. Klasse meine Hausaufgaben daran gemacht, ich hab daran gemalt, gebastelt, das Stricken und Sticken gelernt.

Vor Weihnachten wurden darauf Tonnen von Plätzchen und Stollen gebacken und das letzte, was ich an dem Tisch zusammen mit meiner Tante gegessen habe, waren Salzkartoffeln und Blumenkohl, in einer Pause beim Plätzchenbacken, während der Duft von Elisenlebkuchen durch das Zimmer zog, die in der Backröhre des Kohleofens braun wurden und umgeben von vielen blauen 10 Litereimern mit Deckel, in denen schon die ersten Plätzchenmassen verstaut waren. Wir haben meist zu Ostern die letzten gegessen *grins*
Meine Tante und ich konnten irgendwie nie aufhören zu backen......

Viele, viele Erinnerungen stecken in dem Tisch.

Hätte ich es mir mit der Tischplatte leichter machen können?
Klar, ich hätte den Tisch von unserem Restaurator bearbeiten lassen können, aber das wollte ich nicht, noch nicht.
Ich musste erst selber Hand anlegen und sehen, was da so herauskommt.
Irgendwann werd ich den Tisch dann herrichten lassen, wenn ich soweit bin :-)
ABER: die Spuren meiner Tante und meiner Uroma sollen bleiben, unbedingt.
Er war es immer und wird es immer sein: das Herz der Wohnung

Kommentare:

...AnnaRose... hat gesagt…

Schoene Geschichte, liebe Susu.
Wir haben keine alten Moebel, die Geschichten erzaehlen koennen, deshalb haben wir hier unseren selbstgebauten Tisch, der vielleicht irgendwann unsere kanadische Geschichte erzaehlen wird, da Christian ihn in unserem ersten Jahr hier gebaut hat.

Liebe Gruesse,
Anne

wichtelgold hat gesagt…

Liebe Susu,

Du hast es so wundervoll beschrieben, was dieser alte und doch liebenswerte Tisch schon alles erlebt hat. Einfach wunderbar. Ich bin gerührt mit welch einer Hingabe Du Dich der "Reinigung" gewidmet hast. Großartig. Und es kommt doch gar nicht drauf an, ob hässlich, klein, groß, breit, schmal oder sonstiges.
Du verbindest im Prinzip Dein ganzes Leben damit und das Deiner Vorfahren. Auch ich würde diesen Tisch an Deiner Stelle nie und nimmer wegschmeißen. Und so hässlich ist er gar nicht! Er hat einfach nur paar Spuren der Zeit. Und das macht diesen Tisch "sympathisch".

Liebe Grüße
Silke

KnitAngel hat gesagt…

Liebe Susu,
eine wundervolle Geschichte. Und so plastisch erzählt, dass man deine Familie geradezu um den Tisch sitzen sieht. Bei vielen Episoden habe ich genickt "ja, bei uns auch" (z. B. die Nudeln ...). Der Tisch hat ja stets neue Dinge erlebt, deshalb finde ich es richtig, dass du ihn nun für euer Leben zeitgemäß weiter entwickelst. In deinem Tempo halt. - Mir fällt es momentan gerade schwer, viele für mich ähnlich erinnerungsbeladene Dinge zu entrümpeln, z.B. die alte Singer zum Treten - versenkbar im Schränkchen -, auf der ich als Kind die ersten Stiche nähte. Aber wir mussten uns verkleinern, und es fehlt mir definitiv der Platz. Mal sehen, ob sie noch jemand würdig adoptieren mag.

Herzlichen Gruß
Angelika

wiebke hat gesagt…

welch schöne erinnerung..hüte ihn,und lass ihn neue spuren zukommen..damit die enkelgeneration wieder ihn so erleben kann
..liebe grüße wiebke

renate g hat gesagt…

Hallo Susu, danke für Deine schöne Familientischgeschichte!
Liebe Grüße, Renate